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Psychologie der Spiritualität

„Europäer sind sehr tolerant.
Neun von zehn bekennen sich zu der Aussage,
dass wohl jede Religion einen wahren Kern enthält.”

Religionsmonitor 2008 | EUROPA, Überblick zu religiösen Einstellungen und Praktiken, Seite 5

 

Wie viele Menschen verstehen sich als spirituell oder religiös?  - 

- Was ist Spiritualität?  -  Was ist Religiosität? -

- Warum Spiritualität der körperlichen und psychischenGesundheit nützt  - 

 Hilft Meditation wirklich gegen Stressgefühle?

- Wurde denn schon nachgewiesen, dass Gebete wirklich helfen?

- Wann schadet Spiritualität? -

 

Wie viele Menschen verstehen sich als spirituell oder religiös?

Hier das Ergebnis einer Untersuchung in Pennsylvania und Ohio (1995) und in Fribourg und Salzburg (um 2000), zitiert nach Bucher (S. 51f):

Wo würden Sie sich einordnen?

Frage

USA

Europa

Ich bin spirituell und religiös

74 %

26 %

Ich bin spirituell, aber nicht religiös

19 %

36 %

Ich bin religiös, aber nicht spirituell

4 %

16 %

Ich bin weder spirituell noch religiös

3 %

22 %

 

Was ist Spiritualität?

Ist es das Erleben von etwas Übernatürlichem? Hat es etwas mit Gläserrücken zu tun? Oder ist man spirituell, wenn man betet oder meditiert? Oder eine persönliche Beziehung zu Gott hat?

Eigentlich leitet sich das Wort von dem lateinischen „spiro“ ab, was nicht nur „wehen, hauchen“ und „atmen, leben“, sondern auch „erfüllt und beseelt sein“ bedeutet. In früheren Zeiten sah man einen unbedingten Zusammenhang zwischen Atmen und Seele/Geist, also dem geistlichen oder inneren Leben.

Eigentlich schon um 1900, für unsere Generation jedoch erst seit den 60ern, und insbesondere seit den 80er Jahren bemerkbar, macht der so genannte Individualismus auch vor den Religionen nicht halt: durch die Ausweitung von kulturellen Kontakten bekamen die christlich geprägten kirchlichen Religionen in Deutschland Konkurrenz. Viele Menschen machten sich auf die Suche nach ihrem eigenen spirituellen Weg, der in der Regel von den Welt- und Naturreligionen, insbesondere der mystischen Seite, inspiriert ist.

Anton Bucher kommt in seinem Buch, nach der Sichtung vieler Studien, zu dem Schluss, dass Spiritualität im wesentlichen das Erfahren von Verbundenheit und Beziehung ist, „und zwar zu einem, das den Menschen übersteigenden, umgreifenden letztgültigen Geistigen, Heiligen, das für viele nach wie vor das Göttliche ist; auch die Beziehung zu den Mitmenschen und zur Natur. Diese Öffnung setzt voraus, dass der Mensch vom eigenen Ego absehen bzw. dieses transzendieren kann.“ (Bucher, „Psychologie der Spiritualität“, 2007, S. 56). Entscheidend sei, dass „die Nähe zu einem Absoluten so erfahren wird, dass Friede in die Kapillaren hinausströmt, der Herzschlag ruhiger wird, die Atmung langsamer und tiefer, der Muskeltonus entspannter“ sei (ebenda, S. 10).

 

Was ist Religiosität?

Kann man religiös sein, ohne spirituell (ursprünglich: begeistert) zu sein? Oder sind Spiritualität und Religiosität dasselbe?

Wie der Begriff der „Spiritualität“ lässt sich auch die „Religiosität“ schwer einwandfrei definieren. Sicherlich ist es möglich, Gebete rein formelhaft herunterzuleiern oder an einem Begräbnis teilzunehmen, weil es sozial erwünscht ist. Wenn Religiosität jedoch um ihrer selbst willen ausgeübt wird, mitten im Alltag das Heilige sucht, Gottesnähe und Frieden fühlt, dann wäre diese ebenso spirituell (Bucher, S. 54).

Wie Heiner Meulemann feststellt, habe sich auch die kirchliche Religiosität im Laufe der letzten Jahrzehnte verändert: so hätten in vier ALLBUS-Erhebungen fast alle Befragten in Deutschland der Aussage „Das Leben hat nur dann einen Sinn, wenn man ihm selber (meine Anmerkung: und nicht die Kirche) einen Sinn gibt“, zugestimmt (Meulemann, „Religion als Ressource“, 2007).

In der Regel geht man davon aus, dass Religiosität die Zugehörigkeit zu einer der Weltreligionen bzw. der entsprechenden Gemeinschaft von Gläubigen (Kirchengemeinde, Sangha) beinhaltet, was bei Spiritualität nicht unbedingt der Fall sein muss, da viele Menschen heute eine Antwort auf das „Woher“, „Wohin“ und die anderen Grundfragen des Lebens auch auf eigene Faust suchen bzw. finden wollen, ohne dabei die Nähe einer bestimmten Gemeinschaft vor Ort zu suchen.

 

Warum Spiritualität der körperlichen und psychischen Gesundheit nützt

Die amerikanische Fachliteratur ging früh davon aus, dass spirituelle Menschen gesünder seien und länger leben, weil sie einen gesünderen Lebensstil hätten (Bucher, S. 104). So würden sie weniger Drogen (dazu zählen auch Nikotin und Alkohol) zu sich nehmen, gemäßigter essen (in vielen religiösen Traditionen ist beispielsweise Fasten ein jahreszeitlich festgelegtes Ritual) und in der Regel monogam leben. Diese Ansicht wurde auch in vielen Studien bestätigt.

Im Jahr 2001 wurde im englischsprachigem Raum die Lebensdauer von gesund lebenden Menschen verglichen: in dieser Studie wurde die Lebensdauer von Personen, die gesund lebten und sich als nichtreligiös bezeichneten verglichen mit der Lebensdauer von Personen, die ebenfalls gesund lebten, aber regelmässig die Kirche besuchten (eine in der Fachwelt durchaus umstrittene Definition von “Religiosität”).
Tatsächlich hatten letztere eine um 25 Prozent geringere Mortalitätsrate (zitiert nach Bucher, S. 102). Allerdings konnte noch kein Forscher dieses wie auch ähnliche Ergebnisse ausreichend erklären.

Andererseits gibt es Untersuchungen, die beispielsweise zeigen, dass die Hoffnung (eine Form der vielbeschworenen Selbsttranszendenz), Dankbarkeit und die Zufriedenheit - drei Faktoren, die immer wieder mit Spiritualität in Zusammenhang gebracht werden - tatsächlich das Leben verlängern oder zumindest erträglich machen können:
“Von 2400 Finnen starben dreimal mehr an Infarkten oder Karzinomen, wenn sie auf einer Hoffnungsskala, die ihnen vor längerer Zeit vorgelegt worden war, geringe Werte aufwiesen” (Bucher, S. 102). Ein Fakt, der eigentlich einleuchtet und durch weitere Forschung zur Krankheits- und Schicksalsbewältigung bestätigt wird.

Interessant finde ich noch den Hinweis von Bucher (S. 164) auf eine Vergleichsstudie (2003) in Deutschland: hier wurden zwei psychosomatische Fachkliniken, eine “normale” Klinik und eine religiöse (freikirchlichen) Klinik, miteinander verglichen: der Symptomrückgang zeigte sich in gleicher Stärke, jedoch fühlten sich die Menschen, die die freikirchliche Fachklinik bevorzugt hatten in Bezug auf ihr spirituelles Wohlbefinden hochsignifikant besser als die “normal” behandelten Frauen und Männer.

 

Hilft Meditation wirklich gegen Stressgefühle?

Diese Frage ist schnell beantwortet: Ja.
Die positiven Effekte wurden mehrfach beschrieben, so dass schon Grawe und seine Mitarbeiter 1993 konstatierten, dass es unbegründet sei, dass Meditation als Therapiemethode so wenig verbreitet ist, zumal laut ihren Metaanalysen (Grawe et al, “Psychotherapie im Wandel”, 1993, Göttingen: Hogrefe) die meditative Praxis wirksamer sei als das Autogene Training.

Wie bei Wikipedia beschrieben* benennt auch Anton Buchner (S. 112f, 131f) nachgewiesene positive Auswirkungen auf das Herz-Kreislaufsystem, das Immunsystem, die Stress-Reduktion und er betont sogar den volkswirschaftlichen Nutzen.
Hierzu verweise ich gerne noch auf die Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion nach Jon Kabat-Zinn, auch MBSR genannt, die bereits wissenschaftlich sehr gut untersucht ist.

 

Wurde denn schon nachgewiesen, dass Gebete wirklich helfen?

In den USA herrscht ein reges Interesse an der Wirksamkeit von (christlichen) Gebeten: immerhin 80 % glauben, dass das Beten die Genesung günstig beeinflussen kann. So zitiert Bucher (S. 106) einige Gebetsstudien, die jedoch keine oder nur milde Verbesserung von Erkrankungen durch das Gebet nachweisen (0 bis 11 % der Fälle) konnten (S. 106). Zum Vergleich: der Placeboeffekt zeigt im weltweiten Vergleich eine Wirkung um die 36 %, ein Wert der zwar je nach untersuchtem Landstrich schwankt, aber als hoch gilt.

Eindeutig nachgewiesen wurde jedoch, dass das Gebet den betenden Menschen selbst zu Gute kam: so fand der Kanadier O’Laoire 1997 in seiner Studie, dass die Gebete zwar keinen Einfluss auf den Krankheitsverlauf hatten, die Betenden selbst sich jedoch signifikant weniger ängstlich als zuvor fühlten (Buchner, S. 107).

Also helfen Gebete doch nicht? Ist die christliche Sitte der Fürbitte nur eine (Selbst-) Beruhigung?
Entscheiden Sie selbst: Wie erging es Ihnen, wenn Sie in der Not von jemandem hörten, dass er/sie an Sie denke (oder noch deutlicher: für Sie bete)?

Sicherlich macht es für Sie einen Unterschied, ob Sie davon wissen, dass diese Person für Sie beten möchte - oder ob Sie gar nichts von diesem Gebetsvorhaben wissen.
Dann könnte es einen Einfluss auf Sie haben, ob Ihnen diese Person sympathisch ist oder ob sie sie nicht mögen.
Dann hat auch die Religiosität/Spiritualität eine Auswirkung: z. B. ob Sie selbst an Gott oder helfende Kräfte glauben - und natürlich wird auch Ihre Vermutung, ob Ihr Gottesbild sich mit dem des Fürbittenden deckt oder nicht eine Wirkung auf Ihre Gefühle haben.
Und schlussendlich könnte dieses spontane Angebot zwei Auswirkungen auf Ihre Erwartungshaltung haben: Sie kommen in Stress oder fühlen sich bedrängt und denken vielleicht: “Gute Güte, jetzt muss ich mich aber ranhalten und schnell gesund werden” oder Sie fühlen sich unterstützt und beschwingt durch diese Person und gehen optimistisch weiter durch’s Leben.

Sicherlich ist jede Form der Unterstützung, die wir Menschen uns gegenseitig geben können etwas, das wünschenswert ist.
interessant ist, dass im Buddhismus nicht wissenschaftlich nach der Wirksamkeit der Metta-Meditation*** (ein Äquivalent der christlichen Fürbitte) für andere Personen geforscht wird. Sie gehen einfach davon aus, dass eine Ursache immer eine Wirkung nach sich zieht; und wenn es nur diese ist: das Wohlwollen anderen Menschen (auch von unsympahtisch wirkenden Personen) gegenüber zu üben.

 

Wann schadet Spiritualität?

“Einer stärkenden Spiritualität hinderlich ist vor allem die Annahme, von Gott bestraft worden zu sein, was mit einem bis zu 28 Prozent erhöhten Risiko einhergeht, die Krankheit nicht zu überleben”, so formuliert Buchner (S. 99) ein Ergebnis von Pargament, der 2001 mit seinen Mitarbeitern untersucht hat, inwiefern das religiöse Hadern eine Auswirkung auf die Sterblichkeit haben könnte. Auch Deister, der im Jahr 2000 die Krankheitsverarbeitung und religiöse Einstellungen untersuchte, zeigt, dass Spiritualität nicht immer unterstützend wirkt: so zitiert er eine an Krebs erkrankte Frau, die ihre Metastasen als “die von Gott präsentierte Rechnung” beschreibt, weil sie sich in ihrem Leben zu wenig für andere eingesetzt habe (Buchner, S. 135).

Ungesund wirken auch spirituelle Gemeinschaften, die verlangen, dass sich ein/e Anhänger/in mit der Gemeinschaft oder ihrem Führer symbiotisch verschmelzen soll, was bis zum Verlust der früheren Bezugspersonen oder eines selbstbestimmten Privatlebens führen kann.

Am aufschlussreichsten und gut auf den Punkt gebracht fand ich in Buchners Buch drei schädliche spirituelle Überzeugungen (S. 141) :
(1) die erste besage, dass wir Menschen uns unsere eigene Wirklichkeit schaffen können, einschliesslich Krebs oder Unfälle. Menschen, die sich davon überzeugen lassen, dass sie beispielsweise einen Gehirntumor letztlich gewollt hätten, können in Selbstvorwürfe verfallen und depressiv werden, was bis zum Suizid führen kann.
(2) ebenso ist die zweite Ansicht, dass ein spiritueller Mensch alle negativen Emotionen von sich abhalten könne und ihnen nicht mehr ausgesetzt sei, nicht richtig. Wie ein Sprichwort schon sagt: wir können nicht verhindern, dass Sorgen wie Vögel unseren Kopf umkreisen, aber wir können verhindern, dass sie auf ihm Nester bauen.
(3) die dritte falsche Überzeugung besagt, dass ein spiritueller Mensch stets gelassen bleiben könne.

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Die Zitate von Herrn Bucher stammen aus dem Buch:
Anton A. Bucher, “Psychologie der Spiritualität”, (2007), Beltz Verlag

Der Religionsmonitor 2008 der Bertelsmann-Stiftung steht hier zum Download:
http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/SID-30D54A6C-EB8C783D/bst/hs.xsl/85217_85220.htm?suchrubrik=

*http://de.wikipedia.org/wiki/Meditation

**http://de.wikipedia.org/wiki/Doppelblindstudie

***http://de.wikipedia.org/wiki/Metta

neu eingestellt: 09.11.2011
korrigiert und ergänzt: 30.11. und 30.12.2011

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