">

Informationen zum Focusing

“Alles wirkliche Leben ist Begegnung.” Martin Buber

„Focusing nenne ich die Zeit, in der man mit etwas ist, das man körperlich spürt, ohne zu wissen, was es ist.“ Gene Gendlin

 

Was ist Focusing?  -  Wer hat Focusing erfunden und wer kann Focusing anwenden?  - 

Der Körper: welcher Körper eigentlich?  -  Felt Sense: Wie kann ich selbst Focusieren?  - 

Zugang zur inneren Ruhe finden  -  Tipps zum Nachschauen und Nachlesen

 

Was ist Focusing?

Kennen Sie das: in manchen Räumen oder Orten fühlt man sich sofort wohl, aber in anderen ist irgend etwas komisch, seltsam, fast schaurig?
Oder: Sie stehen beim Einkaufen vor dem ganzen aufgebauten Gemüse, Obst oder auch bei den Tiefkühlpizzen und Sie entscheiden sich für ein bestimmtes Produkt, legen es in den Wagen, und plötzlich haben Sie das diffuse Gefühl, dass Sie doch lieber etwas anderes wollen und diese Entscheidung doch nicht so gut war?
Oder: Nach einem Gespräch kommen Sie ins Nachdenken, weil irgendwas komisch war. Dabei war das Gegenüber doch so freundlich. Als Sie eine Weile bei dem Gefühl (“komisch”) geblieben sind, hat es sich plötzlich wie eine Tür geöffnet: Klar, das Gegenüber war sehr angenehm, aber im Grunde genommen hat er/sie Ihnen gerade - wenn auch freundlich - neue Arbeit aufgebürdet und sich selbst damit entlastet.

Gerade das letzte Beispiel zeigt, dass die Erinnerung an etwas Vergangenes über Signale, die mit dem Körper zusammenhängen (das Gefühl, dass etwas “komisch” oder doch nicht so “gut” war), vermittelt wird. Die meisten Menschen geben hier ein “Bauchgefühl” an, das oft im Gegensatz zum Kopf (“dem Verstand”) wahrgenommen wird.
Der Körper - nicht nur das Gehirn - ist immer in Wechselwirkung mit seiner Mitwelt. Bevor ein Mensch eine Situation mit dem Kopf verstehen kann, weiss der Körper bereits mehr darüber. Allerdings wird der Körper oft nicht gefragt, da kaum jemand gelernt hat, auf den eigenen Körper zu achten oder darauf zu vertrauen, was sie selbst spüren. Manchen Menschen wurde ein freundlicher Umgang mit dem Körper regelrecht abtrainiert.
Im Nachhinein fällt es vielen Menschen ein, dass sie allerdings doch gleich so ein “mulmiges Gefühl” hatten oder “eigentlich wussten, dass das schief geht” oder “ein komisches Gefühl im Bauch” hatten. Nur in wenigen Situationen drängt sich das Körpergefühl unübersehbar auf und die Wahrnehmung ist sofort deutlich: z. B. in Angstsituationen sind da plötzlich weiche Knie, zitternde Hände, Schwindelgefühle, Erschöpfung oder das Gefühl als würde sich der Boden auftun. Oder beim Verliebtsein fühlt sich der Körper lebendig, elastisch, kräftig und irgendwie attraktiv an.

Wissenschaftliche Theoretiker/innen, darunter auch die Verhaltenstherapeuten und Gehirnforscher beschreiben diesen Sachverhalt so, dass durch den Körper in jeder Situation viele Informationen unbewusst erfasst werden. Diese Informationen können durch eine ähnliche Situation sofort wieder aktiviert werden. Es gibt also ein Gedächtnis, das tatsächlich im Körper gespeichert ist (die Forscher/innen sprechen von unterschiedlichen Bereichen wie dem Leibgedächtnis, prozeduralem Gedächtnis, einem emotionalen Erfahrungsgedächtnis, einer Konditionierung oder dem sogenannten Embodiment, siehe auch: Thomas Fuchs: “Das Gedächtnis unseres Körpers” in: Psychologie Heute, 6/2006, S. 20).

Dieses Körpergedächtnis und die damit verbundenen Körpersignale sind die sogenannten “somatischen Marker”. So bin ich persönlich nicht geneigt Schalentiere zu essen: mein Körperempfinden sagt schon beim Anblick “Stopp”, weil ich mehrere Erfahrungen in Bezug auf das Essen dieser Tiere habe, die sofort das Bild “Ich hänge über dem Klo und übergebe mich” erzeugen.

Focusing bedeutet zuerst einmal Anhalten. Innehalten. Es beinhaltet das Lauschen nach Innen, auf den Körper, auf somatische Marker, das heisst, die aus dem Inneren auftauchenden Informationen werden mit Offenheit wahrgenommen, so wie “man etwa einem scheuen Reh begegnen würde” (Alfred Groff: “Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung in der transpersonalen Gesprächspsychotherapie”).
Zuerst das Anhalten, Innehalten. Dann das Dabei-bleiben bei dem was ist, das Verweilen dabei. Dadurch gibt man diesem Körperempfinden, dem “Etwas”, dem vage Spürbaren in sich Raum, dass es sich noch weiter entfalten kann. Es kann sich in Worten, Bildern, Gefühlen, Ahnungen, Gesten, Farben usw. äussern und im Bauch, im Hals oder im Herzbereich oder ganz woanders bemerkbar machen. Das ist völlig individuell.
Und dieses gefühlte Etwas kann nicht nur wahrgenommen werden, es kann gefragt werden. Zum Beispiel kann ich in mich hinein fragen, welches Gemüse oder Obst oder welche Pizza denn sonst in den Einkaufswagen gehören. Denn eigentlich enthält das Körperempfinden oft schon den nächsten Schritt, der eben jetzt am passendsten ist.

 

Wer hat Focusing erfunden und wer kann Focusing anwenden?

Niemand hat Focusing erfunden. Eugene Gendlin hat dieses Prinzip zusammen mit Carl Rogers gefunden. So wollte Gendlin herausfinden wie und warum eine (Gesprächs-) Psychotherapie funktioniert.
Das erstaunliche Ergebnis war, dass nicht der Therapeut/die Therapeutin oder eine bestimmte Therapierichtung das Ausschlaggebende für einen Therapieerfolg sind, sondern die Fähigkeit der Klientin/des Patienten eine freundliche, interessierte Beziehung zum eigenen inneren Erleben herzustellen.
Diese Menschen machten immer wieder Pausen im Gespräch, um in sich nach den richtigen Worten zu suchen oder nach einem Bild zu tasten und nach etwas Stimmigem, Passendem suchten. Das hörte sich dann z. B. so an: “Hmm, ja, (Pause) da ist Ärger (Pause), hmm, nein eher (Pause): ich bin wütend - ja das ist es. Ich bin wütend!”. Die Klienten/Patienten waren dann hörbar erleichtert, wenn sie beispielsweise herausfanden: ich bin wütend, ich bin nicht ärgerlich, “wütend” passt besser zu diesem inneren Gefühl.
Und sie konnten Körperempfindungen lokalisieren und ausdrücken: “Also dazu hatte ich von Anfang an ein komisches Gefühl im Bauch” oder “Ich fühle so einen Kloß im Hals”.
Sie treten mit ihren inneren Vorgängen wie vagen Ahnungen, Körperempfindungen und Gefühlen direkt in Kontakt, weil sie diese ernst nehmen.

Diese Fähigkeiten erforschte Gendlin und daraus entstand schliesslich: Focusing.

Da Focusing dadurch erlernbar wurde, kann es im Prinzip jede/jeder lernen und anwenden. 

Mögliche Anfangsschwierigkeiten (“Ich fühle da nix!” oder “Oh je, da passiert gleich so viel, wo soll ich denn jetzt mit meiner Aufmerksamkeit hin?” oder “Und wenn ich mir das alles nur einbilde?” oder “Jetzt kann ich mich nicht mehr konzentrieren” oder “Ich habe Angst, dass ich vielleicht was ganz Schlimmes herausfinden könnte, wenn ich meinem Körpergefühl nachgehe”) können gemeinsam gut bewältigt werden.

 

 Der Körper - welcher Körper eigentlich?

Diese Frage scheint naiv, aber tatsächlich bedenkenswert. In unserer Kultur ist der Mensch in einen Körper und eine Seele gespalten, manche Denkrichtungen lassen auch noch einen Geist zu.
In der Regel verwenden wir unseren Körper wie ein Vehikel, um von A nach B zu kommen oder um eine Bewegung auszuführen oder um in einem Raum zu sitzen oder zu stehen. Die meisten Menschen gehen davon aus, dass man eben einen Körper hat, der sich wie eine Sache gewöhnlich nicht bemerkbar macht - und wenn doch, dann sind die meisten Menschen nicht begeistert davon z. B. einen schmerzenden Körper zu haben.

Der Körper, der im Focusing gemeint ist, ist der Körper, den wir von innen fühlen können. So kann ich eine Pizza essen und während oder nach dem Essen darauf achten, wie mein Körper auf die Salami-Pizza “antwortet”: Meinem Gierhals hat es geschmeckt, aber mein Magen ist durch die grosse Pizza und das viele Fett überlastet und antwortet mit dem Gefühl “vollgestopft wie eine Gans” und “sauer”.
Oder ich bemerke während einer gemässigten Dauerbelastung (Schwimmen oder ähnliches), dass sich mein Körper wohl fühlt, irgendwie “elastisch” und “kräftig”, “mit Muskeln”. Der Körper ist kein Ding. Oder nur ein Organismus, der halt mal so existiert. Wir können mit dem Körper in Beziehung gehen. Und er antwortet sogar auf Fragen.

 

Felt Sense - Wie kann ich selbst Focusieren?

Gendlin sprach von einem Felt Sense, dem Schlüssel für Focusing.
Was ist der “Felt Sense”? In deutsch wäre das eine “gefühlte Bedeutung”, aber das klingt noch zu abstrakt. “Das was wir in einer konkreten Situation körperlich fühlen - ohne dass wir es schon explizit in Worten wissen -, nennt Gendlin einen Felt Sense” (Johannes Wiltschko). Und dieses (Körper-) Gefühl beinhaltet eine Bedeutung, z. B. “die Situation ist gut/schlecht oder etwas war seltsam/komisch”.
Ein Beispiel: Ich wache morgens auf und habe sofort das vage, aber starke Gefühl zwischen Hals und Herz, dass irgend etwas wichtig ist. Das Gefühl ist sehr deutlich. - Was war los? Ich frage “nach innen”: habe ich gestern etwas vergessen? bin ich nachts aufgewacht? hängt das mit dem heutigen Tag, der auf mich wartet zusammen? - Und plötzlich weiss ich: Ich habe etwas Interessantes geträumt . Der Körper (oder der Traum) machen durch dieses Erleben deutlich, dass der Traum wichtig für mich ist. Oder anders formuliert: der Körper kommuniziert mit mir. - Und ich weiss inzwischen, dass ich meinem Körperempfinden trauen kann.

Sie lesen hier diese Zeilen, aber tatsächlich können Sie während Sie hier weiter lesen, gleichzeitig Ihren Körper fühlen, spüren worauf Sie sitzen, und sich während dem Lesen auf Ihren Körper besinnen, und fühlen wie sich der Körper von innen her anfühlt; 
vielleicht können Sie spontan ein Gefühl in Ihrem Bauch oder Brustraum oder im Hals entdecken, das Sie hier während dem Lesen empfinden, ein Gefühl das genau in diese Situation des Lesens, zu der jetzigen Atmosphäre in Ihrem Leben passt.

Und wenn Sie etwas dabei Verweilen würden, könnten Sie nach einer Weile Bilder, Ahnungen, Gesten/Bewegungen oder Wörter oder anderes finden, die genau zu diesem speziellen Gefühl passen.
Vielleicht sind Sie aber auch nur überrascht, dass Sie lesen können und gleichzeitig spüren können, dass Sie einen Körper haben. Oder Sie spüren auch gar nichts, was auch in Ordnung ist und was dann eben jetzt passender ist als irgend etwas zu erzwingen und herbei-spüren zu wollen.

Vielleicht fällt Ihnen auch dieses leichter:
Vergegenwärtigen Sie sich den Raum in dem Sie gerade sind. Wie sieht das Zimmer aus, wie ist er gestaltet, in welchem Ort, welche Landschaft ist er eingebettet? Gibt es Dinge, die Ihnen auffallen?
Dann fühlen Sie in Ihren inneren Körper, spüren Sie in Ihren Bauch und Brustraum hinein. Was spüren Sie in sich, wenn Sie in diesem Zimmer sind?
Vielleicht kommt Ihnen etwas entgegen.
Wenn etwas auftaucht, verweilen Sie ein wenig bei dem, was Sie fühlen. Gehen Sie nicht gleich mit Ihrer Aufmerksamkeit weiter. Gehen Sie immer wieder zurück in das Zimmer wo Sie sind und zu dem dazu Gefühlten in Ihrem Körper.
Seien Sie freundlich zu dem Gefühlten, seien Sie interessiert.
 Wie fühlt dieses Etwas sich an? Fragen Sie in Ihren Körper: Welche Beschreibung passt zu diesem Etwas (z. B. weit, voll gestellt, offen, geschützt, ...)?
Vielleicht taucht ein Bild auf.
Spüren Sie in Ihrem Körper nach, ob diese Beschreibung/dieses Bild wirklich passt und stimmig ist.
Was möchte dieses Etwas?
Was möchte es auf keinen Fall?
Wenn Sie genug haben, bedanken Sie sich kurz und kommen Sie wieder in Ihrem Alltag an.
War das, was Sie in Ihrem Körper spüren konnten in irgendeiner Form neu für Sie?

Diese einfache Focusingübung geht auch wunderbar zu einem Musikstück: Hören Sie sich zuerst das Musikstück an und assoziieren Sie währenddessen frei dazu: was für Gedanken, welche Vorstellungen passen nach Ihrer Meinung zu diesem Musikstück.
Dann hören Sie das Stück ein zweites Mal und achten nur auf ihre Gefühle im inneren Körper, die aufsteigen.
Gibt es Unterschiede?

 

Zugang zur inneren Ruhe finden

Das Anwenden von Focusing kann zu Ihrer inneren Quelle führen, kann Ihnen zu innerer Ruhe verhelfen.
Warum?

Focusing enthält viele Fähigkeiten, die ähnlich wie Meditation, zur Beruhigung von aufgewühlten Gefühlen führen können:

    Wenn Sie eigene Gefühle, das Etwas, den Teil von sich, der etwas empfindet, bemerken und auch freundlich begleiten können, haben Sie inneren Abstand zu sich entwickelt. Sich selbst mit Abstand sehen können, einen Überblick über die Situation gewinnen, macht frei von der Identifikation mit problematischen Gefühlen: wenn Sie beispielsweise Angst fühlen und ganz in der Angst sind, werden Sie innerlich aufgewühlt. Das ist normal, wenn man sich mit einem Gefühl identifiziert. Man wird ganz dieses Gefühl. Frage ich dieses Gefühl, diesen Teil, der Angst hat, werde ich innerlich freier; ich habe mehr Abstand zum Gefühl und damit zur beängstigenden Situation. Auch wenn ich die Angst begleite, einfach nur dabei bleibe, habe ich Abstand zur Angst. - Nur durch Abstand ist die Möglichkeit gegeben, dass sich etwas verändert. Sie wissen selbst, was passiert, wenn man mit der eigenen Angst völlig verschmilzt: sie wird immer schlimmer, und tiefer. Das Wesentliche kann nicht mehr vom Unwesentlichen unterschieden werden. Die Verwirrung nimmt zu.

    Focusing ermöglicht einen freundlichen Umgang mit sich selbst. Sie gehen achtsamer mit sich um. Ein enorm wichtiger Schritt, psychische Gesundheit zu erlangen oder zu erhalten. Sie pflegen eine Freundschaft mit sich selbst. Schauen Sie dazu auch auf diese Homepage: http://www.stangl-taller.at/ARBEITSBLAETTER/TEST/SAT/Test.shtml

    Da Sie mehr in Kontakt mit sich selbst kommen, können Sie schneller merken, dass etwas Sie z. B. ärgerlich machen. Dadurch können Sie adäquat auf Situationen reagieren.

    Und: je mehr Sie in Kontakt mit sich selbst kommen, um so mehr werden Sie wahrnehmen, dass Sie nicht allein dem Ungemach der Welt ausgeliefert sind. Es sind helfende Kräfte da, die wir in der Regel nicht wahrnehmen, weil wir nicht darauf achten. Dabei ist es nicht wichtig, wo Sie diese verorten, ob in Ihrem Inneren oder im Aussen.

 

 

Tipps zum Nachschauen und Nachlesen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Focusing

somatische Marker:
Maja Storch, “Das Geheimnis kluger Entscheidungen - Von Bauchgefühlen und Körpersignalen”, 2011

Focusing selbst lernen und anwenden:
Ann Weiser Cornell: “Focusing - Der Stimme des Körpers folgen”. Euro 7,95
Klaus Renn: “Dein Körper sagt Dir, wer Du werden kannst”. Euro 8,95

 

 

[Home] [Inneres Team] [Aufstellung] [Focusing] [Spiritualität] [Diagnostik] [zu mir] [Impressum] [Links] [Datenschutz]